Im Namen der Kinderschützer

von Marc Swenson

Der französischen Hilfsorganisationen, APLE, wird vorgeworfen,  hunderte Menschen in Kambodscha durch manipulierte Zeugen und erkaufte Urteile unschuldig ins Gefängnis gebracht zu haben. Hat deren Gründer sich mit den dadurch erwirtschafteten Spendengeldern den Missbrauch von Kindern finanziert?

Der Tempel ist der ruhigste Ort hier. Die Menschen sitzen in kleinen Gruppen vor dem großen goldenen Buddha. Doch die Männer hier sind keine Mönche und tragen orange, sie sind Gefangene und tragen rot. Die Anstaltskleidung von Prey Sor, dem brüchtigten Gefängnis von Kambodscha, circa 20km außerhalb von Phnom Penh. Rund 3.500 Gefangene sitzen hier, darunter rund 100 Ausländer.

Wir sitzen mit Hang Vibol zusammen, ein freundlich wirkender Kambodschaner. Seine Züge schwanken zwischen Gelassenheit und Wut. Seit vier Monaten sitzt Vibol hier in Untersuchungshaft, wegen Verdacht des sexuellen Missbrauch an Schutzbefohlenen. 1994 gründete er die Hilfsorganisation Protect. Dann traf er auf den Franzosen, Thierry Darnaudet, und gründete mit ihm 2003 die Hilfsorganisation APLE, mit Sitz in Frankreich. Die Abkürzung steht für Aktion für die Kinder. Die Zielsetzung: Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen. Ehrenwerte Ziele. Vibol gründete Our Home, ein Heim für Straßenkinder. Thierry kümmerte sich um das Fundraising und fand zahlreiche Sponsoren. Brot für die Welt, USAID, Global Humanitaria, Terres des Hommes und viele mehr. Er versteht es, sich vor den Medien in Szene zu setzen.

Mit viel Krawall. Kambodscha wurde durch APLE zum Kinderschänderparadies und  Thierry Darnaudet zur Kultfigur der Kinderschützer. Zahlreiche Volontäre aus vielen Nationen folgten ihm nach Kambodscha, zum Kampf gegen Kinderschänder. Zum Vergleich: 2013 gab es in England 2.000 Fälle von Missbrauch, in Kambodscha 200.
Das Land leidet noch heute unter den Folgen des Pol Pot Regimes. Niedergemetzelt, verarmt, und nun durch Kinderschänder ausgebeutet, das lässt sich bestens verkaufen. So gut, dass Thierry 2007 zusätzlich ACCT in Kalkutta gründete. Es dauerte nicht lange und er wird mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert.

Die Schwester eines kleinen Jungen hatte den sexuellen Missbrauch beobachtet und der Junge sagte aus, erzählt uns Vibol. Thierry soll ihn dafür fast tot geprügelt haben. Das Kind kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Es soll nicht das erste mal gewesen sein, dass Thierry wegen Missbrauch in Indien angezeigt wurde. Adriana, eine australische Voluntärin, will Thierry fünf mal beim Sex mit Kindern erwischt haben. Er kaufte sich aus allen Verfahren mit üppigen Summen raus und brachte die Behörden zum schweigen. Mit Spendengeldern von APLE.

Wenig später erwischt Vibol Thierry inflagranti, wie er einen kleinen Jungen in seinem Büro von Our Home in Phnom Penh missbraucht. Es kommt zum Eklat und Vibol erstattet Anzeige. Doch wie soll es zu Ermittlungen kommen, wenn Thierry die Ermittlungsbehörde quasi gehört? Zwischen dem Innenministerium Kambodschas und APLE besteht ein MOU – Ein Memorandum Of Understanding. Danach dürfen die circa 30 APLE Mitarbeiter die Ermittlungsarbeiten innerhalb des Anti Crime Departement for Human Trafficking durchführen. Eine NGO operiert eine Polizeibehörde. Abgesehen von der mangelnden Rechtsgrundlage – Mit welcher Qualifikation eigentlich? Zumindest vermochten sie den Massenmissbrauch ihres eigenen Gründers jahrelang nicht zu erkennen.

Dabei wäre das Opfer schnell aufgefunden. Der mittlerweile Halbwüchsige Pen Dom hängt an der Riverside von Phnom Penh herum. Genau jenem Ort, an dem die angereisten Volontäre mit versteckter Kamera männliche Touristen ablichten, die im Kontakt mit Kindern sind. Bei einem Bevölkerungsanteil von 56% Minderjährigen, lässt sich dieser  Kontakt kaum vermeiden. Für die angereisten Frauen aus Europa und Australien ist das so eine Art Sport. Wie Paint Ball, nur mit echten Opfern. Endlich mal so ein Biest, so ein pedophiles Schwein zur Strecke bringen. Wissen die, was sie da eigentlich tun?

Vibols Englisch ist gebrochen aber verständlich. Immer wieder versinkt er in Gedanken. Ihn quält die Schuld, viel zu spät reagiert zu haben. Nun will er auspacken. Zwei Jahre war er selbst Country Director von APLE, kennt die Strukturen und das System bis ins Detail. Erstmals kam er massiv ins grübeln, als er zwei kindliche Zeugen nach Australien begleitete, die in einem Prozess gegen den australischen Ex Botschafter aussagen sollten.

John Holloway hatte sich mit Kritik an der kambodschanischen Regierung unbeliebt gemacht. Plötzlich sah er sich Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt. Unter den 15 Auswahlfotos zeigten zwei Jungen auf das Foto des Botschafters. Sein Leben war fortan ruiniert. Auf dem Rückflug erklärten die Kinder Vibol plötzlich, dass sie den Botschafter gar nicht kannten. Sie wollten halt nur mal gerne nach Australien fliegen.

APLE’s Hauptsponsor ist die spanisch – amerikanische Organisation Global Humanitaria. Die Mittel fließen erfolgsorientiert. Je mehr Verurteilungen desto mehr Geld. Wie rechtens mag das in einem der korruptesten Länder der Welt wohl zugehen?
Sie manupulieren die Aussagen mit Geld, mit Drohungen, mit unterzeichneten Blanco Formularen. Ein Arzt von APLE soll einem Mädchen dreimal die Entjungferung attestiert haben. Zahlreiche Kinder haben unisono den identischen Aussagetext. Viele Kinder werden gegen ihren Willen und deren Eltern in geschlossene Heime eingesperrt und einer Gehirnwäsche unterzogen, sagt Vibol. Das ist alles illegal, aber niemand kümmert sich. Die machen, was sie wollen.

Ende 2013 reicht es ihm. Er beschwert sich beim Innenministerium über APLE’s Machenschaften und distanziert sich von der Organisation. Postum kam die Anzeige. Vibol hätte die Kinder in seinem Heim unter der Dusche unsittlich berührt, so APLE. Die Kinder haben ihre Aussagen zwischenzeitlich wieder zurückgezogen. Vibol sitzt immer noch im Gefängnis. Wer APLE kritisiert, hat umgehend  ein Verfahren am Hals. Vibol wäre da nicht der Erste.

Sippy sitzt in unserer Runde. Ein hagerer Australier mit weißem Haar und Bart. Er ist um die 60, sein Körper abgemagert und ausgezehrt von den Strapazen der Haftbedingungen. Mit 75 Leuten auf 120 Quadratmeter und Hitze um die 38 Grad. Geschlafen wird auf dem Steinfussboden, Essen und Trinkwasser muß gekauft werden. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Vier Jahre ist er schon hier. APLE will den Missbrauch an der Tochter seiner Lebensgefährtin festgestellt haben. Vier involvierte Staatsanwälte sehen dafür keinerlei Beweise und fordern die Einstellung des Verfahrens. Der Richter verurteilt ihn zu acht Jahren. Warum tut er das?

Sie bezahlen die Richter für die Verurteilung, erklärt Vibol. Das produziert Erfolge und Spendengelder. Hunderte Ausländer wurden so über die Jahre inhaftiert. Einige begingen Selbstmord, andere darben elendlich an Infektionskrankheiten dahin, fast alle sind zeitlebens traumatisiert. Zweifelsfrei sind unter ihnen auch echte Täter, schuldig ist jedoch keiner. Schuldig kann nur der sein, der durch ein faires Verfahren mit einem funktionierenden Rechtssystem verurteilt wurde. Die kambodschanische Justiz hat eher den Charme eines mexikanischen Drogenkartells. Es gilt das Gesetz von George Washington. Sein Counterfeit ziert jede Dollar Note.

Die mangelnde Rechtssicherheit des Landes schreckt Investoren ab. Die Anzahl beschuldigter ausländischer Unternehmer ist bemerkenswert. Da ist zum Beispiel Brian, ein amerikanischer Luftfahrtunternehmer. Die Lizenz die er vor zehn Jahren erhielt, ist heute Gold wert. Es kam zu Querelen mit den Teilhabern und den Behörden. Nun sitzt er in Haft. Zwei dreizehnjährige Mädchen sollen ihn belastet haben. Sie sollen jubelnd aus der Vernehmung gekommen sein. Wir kriegen jeder tausend Dollar. APLE zeigt sich gern als williger Erfüllungsgehilfe,  unbequeme Kontrahenten zu entsorgen. Viele Investoren werden während der langjährigen Haftzeiten enteignet.

Mittlerweile regt sich mehrend Widerstand und Unmut gegen die Organisation. Das Internet füllt sich mit kritischen, anklagenden Blogs. Selbst namhafte NGO’s distanzieren sich von APLE und den Botschaften vieler Länder ist sie längst ein Dorn im Auge. Der russische Botschafter setzt sich gerade für die Freilassung eines Landsmann ein. Die Richter ziehen die Untersuchungshaft über Jahre hin und warten auf Zahlung. Je nach Einschätzung des Vermögens gehen die Forderungen bis zu 150.000$. Wer nicht zahlen kann, sitzt bis zu 15 Jahre.

Die zahlreichen Geschädigten formieren sich nun mit einer Anzeige vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Sie werfen der kambodschanischen Regierung schwere Menschenrechtsverletzung an hunderten Ausländern vor. Gegen das APLE Team soll in Frankreich Strafanzeige wegen international organisiertem Verbrechen gestellt werden.
Tausend Jahre, von Spendengeldern erkaufte, menschenunwürdige Haft, zur Finanzierung der pedophilen Triebe eines “Kinderschützers”. Für die Sponsoren wäre das der Super GAU. Sie wären gut beraten sich emsig um transparente Aufklärung zu bemühen und die Förderungswürdigkeit von APLE näher auszuleuchten.

Auch Prime Minister Hun Sen dürfte das alles äußerst unpassend kommen. Er bemüht sich gerade das stark lädierte Image seines Landes zu renovieren, um Investoren anzulocken. 2013 wurde Thierry Darnaudet als persona non grata ausgewiesen. Von einem Ermittlungsverfahren und üblicher Haftstrafe von fünf bis zehn Jahren blieb er verschont. In einem Interview im Februar 2015 mit der Phnom Penh Post, sorgt er sich gar um den guten Ruf der Organisation. Er ist mittlerweile in Indien untergetaucht und plant die Ausweitung seines Kinderschutzprogramms nach Haiti.

30.07.2015

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